Rede zur Stolperstein-Verlegung am 17.05.26 in TBB
,,Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären." – So mahnte uns der Auschwitz-Überlebende und frühere Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees Noach Flug (1925-2011)
Mit diesen Worten möchte ich Sie alle im Namen der Stolperstein-TBB-Gruppe begrüßen. Wir freuen uns sehr über Ihre zahlreiche Teilnahme. Wir sind dankbar, dass der Gemeinderat und die Stadt es möglich gemacht haben, dass es nun auch in Tauberbischofsheim dieses lebensnotwendige Wasser der Erinnerung in Form der Stolpersteine gibt. Wir danken allen, die zur Verwirklichung der Erstverlegung beigetragen haben, zuvörderst der Familie Brückheimer, die unablässig darauf hingewirkt hat und die auch einen großen Teil der finanziellen Aufwendungen trägt. Wir danken den Mitarbeitern der Stadt und des Bauhofs. Und im Besonderen danken wir Herrn Gunter Demnig, dem Initiator und unermüdlichen Künstler, der seit 1992 Tag für Tag Stolpersteine verlegt. Stolpersteine sind die wohl größte und nachhaltigste Form der Gedenkarbeit überhaupt!
„Erinnern heißt hinschauen“
– so haben wir das Motto für die Verlegung in Tauberbischofsheim umrissen. Und dieser Ort, diese vier Verlegeorte, erzwingen Hinschauen und Erinnern – heute und künftig. Hier, genau hier, schritten Menschen, lachten, stritten sich, begegneten den Nachbarn – sie lebten! Genau hier begann das, was am Ende in die Züge zu den Vernichtungslagern im Osten führte. Hier stellten die vielleicht weitsichtigeren jüdischen Menschen fest, dass nur das Exil Rettung bieten könnte.
Erinnern heißt hinschauen
Zum Hinschauen werden wir künftig gezwungen sein. Wir werden uns verneigen müssen, um die Namen und Lebensdaten auf den Stolpersteinen lesen zu können. Möge diese Geste aber weiterführen. Möge das Innehalten, Hinschauen und Gedenken auch uns mit hineinnehmen. Denn Hinschauen zwingt uns, uns selbst Fragen zu stellen: Hätte ich den Mut gehabt, zu helfen, wenn ich vor 90 Jahren hier gestanden hätte? Oder hätte ich – wie die meisten – ebenfalls weggesehen? Das Hinschauen erinnert uns daran, dass Geschichte nicht abstrakt ist, sondern lebendig und schmerzhaft. Sie zeigt uns, was passiert, wenn Gleichgültigkeit oder Angst siegen.
Erinnern heißt nachdenken
Erinnern braucht Wissen und Raum zur Reflexion. Das Wissen um die Vergangenheit ist heute gefährdet – insbesondere durch eine verbreitete „Schlussstrich“-Mentalität, durch rechtsextreme Akteure, die nationalsozialistische Verbrechen relativieren, und durch rechtes Gedankengut, das sich in menschenverachtender Weise in Sprache und Handeln ausbreitet. Rechtsextremismus beginnt nicht mit Gewalt. Er beginnt mit Worten. Mit der Abwertung von Menschen, mit der Verharmlosung von Geschichte. Die Stolpersteine sind ein Weckruf: Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Die Steine sprechen. Sie fragen uns: „Was tue ich heute?”
Erinnern heißt Verantwortung
Erinnern und Gedenken allein genügt nicht – es heißt, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen. Nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip: „Jemand sollte da einmal …“ oder „Die Politik müsste da …“ Nein, Verantwortung bedeutet: „Ich muss hier meinem Gewissen folgen, ich werde mich da einmischen!“ Die Stolpersteine erinnern uns daran, dass Demokratie kein Geschenk, sondern eine Aufgabe für jeden Einzelnen ist.
Mögen die heute verlegten Steine dies zeigen. Dies ist nicht nur ein Stein … Hier steht nicht nur ein Name … Es geht um diesen Menschen, an den wir uns erinnern. Es geht um Menschen. Es geht ums Menschsein! Und es geht auch um mich.
Werner Bartholme (Stolpersteine TBB)

Impressionen von der Stolperstein-Verlegung am 17.05.2026







